Ach, was muss man oft von bösen
Kindern hören oder lesen …
Diesen Stoßseufzer hat vor und nach Wilhelm Busch schon immer die reifere Bevölkerungsschicht getan, wenn sie mit dem Treiben ihrer “missratenen Nachkommenschaft” konfrontiert wurde. Obwohl der Generationenkonflikt schon so alt ist wie die Menschheit selbst, wurde bislang kein annehmbares Mittel überliefert, das ein einträchtiges Zusammenleben gewährleisten könnte.
Auch wenn manch einer beim Anblick der regelmässig in den Abbenröder Bushaltestellen abhängenden Jugendlichen sicher gerne nochmal die Rohrstockmethode ausprobieren würde oder das Teeren und Federn wieder einführen, sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass das unsere Kinder sind, die dort stehen. Und sie sind durch unsere Erziehung so geworden, wie sie sind. Pubertieren ist ein harter Job. Es ist nicht leicht, täglich seinen Rang in der Hackordnung aufs neue zu behaupten. Da müssen auch mal unkonventionelle Mittel herhalten. Während das im Tierreich mit auffallendem Federschmuck und/oder betörender Stimmkraft auf natürliche Weise geregelt ist, müssen die Menschenkinder zu immer neuen Methoden greifen. Da werden ganze Bildergalerien in die Haut gestanzt, das Defizit an eigener Musikalität wird mit dröhnenden Beats aus Lautsprecherboxen gepusht und das Revier wird mit grellbunten Runen und stinkenden Substanzen markiert. Hinter der schrillen Fassade verbirgt sich nichts anderes als die Sehnsucht nach Anerkennung.
Der Praxistest brachte denn auch das überhauptnicht erstaunliche Resultat, dass man mit den Jugendlichen an der Bushaltestelle vernünftig reden konnte, wenn man es nur wollte. Es kamen auch keine unerwarteten Erkenntnisse ans Tageslicht. Genau schon wie zu unserer Zeit ist die Bushaltestelle nur Notunterkunft. Im Winter frieren die Jugendlichen dort ebenso, wie jeder andere Mensch frieren würde. Lieber würden sie sich im Jugendklub treffen, der ein ungenutztes Dasein fristet, weil ihre Altersgenossen aus vorangegangenen Generationen durch nächtliche Ruhestörung für seine Schließung sorgten.
In dieser Situation zeichnet sich eine Lösung ab, in der es nur Gewinner gibt:
Im Dorf hat sich eine “Jugendbrigade” gebildet, der neben den Jugendlichen auch junge Erwachsene, und engagierte Dorfbewohner angehören. Gemeinsam soll erreicht werden, dass der Jugendklub wieder ein Treffpunkt mit regelmässigen Öffnungszeiten und interessanten Angeboten wird. Den Jugendlichen ist klar, dass der Weg dorthin nicht einfach sein wird. Unter kostenloser und freiwilliger Anleitung von ortsansässigen Handwerkern wollen sie zunächst die Bushaltestellen wieder in einen ordentlichen Zustand versetzen, um damit ihren guten Willen für einen Neuanfang im Klub unter Beweis zu stellen. Die “Aufsicht” an den Klubabenden wollen jungen Erwachsene übernehmen, die heute teilweise bereits selber Eltern sind und über ihre eigenen früheren Eskapaden selbst nur noch den Kopf schütteln.
Ein (lösbares) Problem ist die Finanzierung dieser Pläne. Natürlich hoffen die Jugendlichen auf die Unterstützung durch die Gemeindeverwaltung und Sponsoren für die Materialien, die zur Renovierung benötigt werden. Es gibt allerdings auch schon Vorschläge, wie die Mittel aus eigener Kraft erwirtschaftet werden können.
Wenn sich also demnächst ein paar Jugendliche mit Werkzeug an den Bushaltestellen zu schaffen machen, dann heisst das nicht, dass die Zerstörungswut einen neue Dimension erreicht hat. Sie sind dann lediglich dabei, die Endstation zu einem Wendepunkt für alle Dorfbewohner umzubauen.
Nachtrag vom 07.05.2012
Die auf dem Foto abgebildeten Jugendlichen haben die Sorge geäußert, dass aufgrund des Blogartikels der Eindruck entstehen könnte, dass die Schuld am desolaten Zustand des Wartehäuschens bei ihnen läge.
Hiermit möchte ich ausdrücklich klarstellen, dass eine Schuldzuweisung nicht beabsichtigt war. Die Beschädigungen waren das Werk von mehreren Generationen. Die Jugendlichen auf dem Foto sind diejenigen, die sich bereiterklärt haben, anzupacken um wieder für Ordnung zu sorgen ( es gibt noch weitere Aktive, die jedoch zum Fototermin nicht anwesend waren.)











